Zwei Stühle – Ein Blind Date mit der religiösen Indifferenz.

Das Projekt ist mittlerweile beendet.
Hören Sie das Feature von Tim Helssen über das Projekt hier nach!
Während der Dauer des Projekts habe ich immer wieder einzelne Eindrücke auf Instagram (@zwei_stuehle) und Mastodon notiert. Hier folgen diese lose gesammelte Fragmente auch für Nicht-Instagramler zum Nachlesen:
Licht #1
Was die wenigsten wissen: Das tolle Ruhelicht von @beefire_trier brennt auch unterwegs; auch dann, wenn mein Projektwagen im Gemeindehaus parkt, und auch nachts.


Das geht, weil in der LED-Kerze eine extrem starke Batterie steckt, die locker ein paar Monate am Grab leuchten kann.
Mir war das wichtig, denn meine Kraft ist begrenzt; aber diejenige, auf deren Wirken ich setze, schläft nicht.
Oder, wie es einer meiner Gesprächsgäste unübertrefflich formulierte: Der liebe Gott hat nie Feierabend.
Die Tipp-Geber

…Nein, die Graugänse sind es nicht. Sie waren sehr angenehme Gäste. Die Tipp-Geber hingegen lassen sich nicht gern fotografieren. Ich treffe sie überall, in allen Stadtteilen und sozialen Bubbles.
Die Tipp-Geber setzen sich NIE auf den freien Platz. Sie hören NIE zu, nachdem sie eine Frage gestellt haben. Stattdessen haben sie immer wertvolle Tipps für mich.
Sie sollten mal, man könnte auch, ich hab mal von nem ganz tollen Projekt gehört….
Liebe Tipp-Geber:
bitte ziehen Sie weiter und haben Sie Verständnis, dass ich meine Aufmerksamkeit für die Menschen reserviere, die risikobereiter sind als Sie. Gute Ratschläge interessieren mich nicht. Echte Begegnungen schon.
Licht #2
BASIC: eine Kerze.
Mitten im Juni als Lichtquelle vielleicht entbehrlich?
Nicht für mich, denn diese Kerze ist – unermüdlich, immer wieder – ein kleiner Reminder für das
Licht der Welt, Jesus Christus.
Ohne diesen Reminder würde ich mich hier möglicherweise alleine fühlen, und das wollte ich nicht. Dieses Licht steht also im Projektsetting für die Dritte/ Erste im Bunde, die entscheidende Wirkkraft: den lebendigen Gott.

Wasser

Dieses WASSER wurde mir geschenkt. Es hat besonders gut geschmeckt.
Meine Gesprächspartnerin war ins BornCenter gekommen, um Wasser zu holen.
Dort traf sie mich, setzte sich, und wir redeten lange.
Wovon träumst du HEUTE? und andere Fragen, die wir im Alltag manchmal vergessen zu stellen.
Später kam die Frau nochmal zurück zu mir, sie hatte ihren Einkauf erledigt und wollte wissen, ob ich auch genug Wasser hatte. Ich hatte genug; aber ich wusste intuitiv, dass sie mir gerne etwas zurückgeben wollte, weil sie sich von unserem Gespräch beschenkt gefühlt hatte. Also nahm ich das Wasser mit Dank an. Heute würde ich ihr gerne sagen, dass in Wirklichkeit SIE mich beschenkt hatte. Denn sie erklärte mir in knappen Worten, WOZU ich das hier machte:
„Wenn Sie das so sagen, dass Sie Zeit haben und man mit Ihnen reden kann- also Entschuldigung, dann muss ich weinen. Weil, ich beklage mich nicht, mir geht es ja gut; aber SO RICHTIG interessiert sich ja doch nie jemand für einen.“
Der Duft von Weihrauch
Eine Frau kommt zu mir, angezogen vom Duft des Weihrauchs. Erst traut sie sich nicht, sich zu setzen; beschämt wegen ihrer brüchigen Deutschkenntnisse.
Dann beginnt sie zu erzählen.

Sie spricht von ihrer Heimat und von ihren Kindern, die bei ihrer Mutter aufwachsen. Sie spricht von der Mutter, die früher immer Weihrauch im Haus verräucherte, und von deren Gottvertrauen. Sie spricht von Wohnungs- und von Sprachlosigkeit.
Nur Gott, so sagt sie, brauche keine Worte. Mit ihm könne sie direkt aus dem Herzen sprechen.
All das erzählt sie mir fast ohne Deutschkenntnisse und immer wieder unterbrochen von Tränen.
Gern möchte ich ihr eine Gemeinde in Hamburg nennen, die ihre Muttersprache spricht. Darum frage ich sie, ob sie orthodox oder katholisch sei. Sie weiß es nicht.
Aber Kerzen, die zünde sie jeden Sonntag an. Und Weihrauch, den kennt sie. Sie kann alles darein legen, was zu schwer und zu schmerzhaft ist, es auszusprechen. Zum Abschied schenke ich ihr das angebrochene Päckchen Weihrauch und ein paar Kohlen.
Wieder Tränen, diesmal freudige. Dann geht sie zurück an ihre Arbeit. Sie verkauft das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt.
Ich denke über die Empfindung von Sprachlosigkeit nach.
Ich kenne diese Empfindung so gut- dabei spreche ich acht oder neun Sprachen. Sitzt das Empfinden von Sprachlosigkeit nicht eigentlich im Herzen? Ich glaube, wo ich einem Herzen aus Fleisch und Blut begegne, nicht aus Stein- da kann ich sprechen und auch verstanden werden.
Ob ich nun Worte habe oder nicht. Und ich denke über die Sprache der Sinne nach. In den Sinneszellen sind unsere tiefsten und ältesten Erinnerungen gespeichert, alles was wir erlebt haben, auch lange bevor wir denken und sprechen konnten. Unsere Sinne vergessen nichts. Sie sammeln und erzählen die ganze Zeit, erzählen jede Sekunde unseres Lebens. Unsere Geschichte.
Aber hören wir sie auch?
Welche Sprache spricht dein Herz mit Gott?
Himmel offen

Ich bin mir sicher, dass Sinn stärker ist als Sinnlosigkeit; Zuwendung stärker als Gleichgültigkeit; das Leben stärker als der Tod.
Die Frage, ob kirchlich verfasster Glaube heute überholt, also tot ist, führte zu meiner Projektidee. Ziemlich früh entstand dann auch der Wunsch nach einem Grablicht.
Am Grab eines geliebten Menschen steht dieses Licht für Hoffnung und Trost, denn die Seele darf nun im ewigen Licht voller Freude Gott schauen.
Ist Religion, ist Kirche tot?
Ich weiß es nicht, aber zur Sicherheit stelle ich ihr ein Grablicht an die Seite! …und das fühlt sich erstaunlich gut an. Es hat vielleicht etwas mit Loslassen zu tun: Trauer, Angst und Sorge loslassen dürfen, weil die geliebte Seele bestens aufgehoben ist. Warum nicht auch meine Sorge um die Kirche einfach der besten denkbaren Crew überlassen, der Crew des Paradieses?
Und siehe da, ich bin entlastet und habe den Kopf frei für die verblüffenden, spannenden, anrührenden Begegnungen,die dieses Projekt mir beschert hat.
Buena onda en el muelle
Hoy ha encontrado mi paradita la encantadora MªJosé, originaria de Guadalajara (E).
Qué feliz me siento de poder conocerla a ella y a tanta más gente y hablar directamente desde el corazón.

Kennen Sie schon Tim Helssen?

Tim ist Rundfunkredakteur und Gemeindemitglied von St. Maria. Tim war mein Projektpartner bei den Zwei Stühlen. Und Tim hat eine spannende Sendung über die Zwei Stühle geschrieben, zu der Sie über diesen Link gelangen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/wenn-glauben-auf-die-welt-trifft-katholische-kirche-100.html
Einen am 23.7.26 erschienenen Artikel der Neuen Kirchenzeitung Hamburg über das Projekt Zwei Stühle können Sie hier nachlesen.
Und das war die Idee:
Eine pastorale Mitarbeiterin begibt sich mit zwei Stühlen, einer Kerze und ganz viel Zeit mitten ins Getümmel einer Großstadt. Erkennbar als Frau der Kirche durch ihr liturgisches Gewand, stellt sie sich der vermuteten religiösen Indifferenz (vgl. J. Loffeld Wo nichts fehlt, wo Gott fehlt) – ohne schützenden Zweck, ohne Mission, ohne These. Es gibt nichts, was angeboten oder angepriesen wird: keine Bibeln, keine Flyer, kein Segen und kein Kaffee. Die Mitarbeiterin bringt einzig ihre Neugier mit- die Neugier auf das, was sich möglicherweise zeigen wird, gepaart mit ihrer Bereitschaft, zu irritieren und sich irritieren zu lassen. „Wenn die Indifferenz meinem Gott gegenüber wirklich so riesig ist, und wenn ihr die Zukunft gehört- dann möchte ich sie kennenlernen. Unbedingt!“



























